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Sexuelle Übergriffe

Der Schweizer Schiessport bildet den Rahmen für sportliche wie auch soziale Begegnungen mit vielfältigen Angeboten für jung und alt. Frauen und Männer, Buben und Mädchen lernen voneinander, trainieren, üben miteinander. Dabei entstehen persönliche Kontakte und auch körperliche Berührungen, die meisten davon im gegenseitigen Einverständnis. In diesem Umfeld sind sexuelle Ausbeutung und sexuelle Grenzverletzungen ein Thema, dem sich der Schweizerische Schiess-sportverband SSV stellt. Zwischen Athletinnen und Athleten und Trainerinnen und Trainer besteht ein Vertrauensverhältnis, dass auch Züge eines Abhängigkeitsverhältnisses haben können.

Der Schweizer Schiesssportverband setzt sich für fairen, respektvollen und gewalt-freien Sport ein. Daher ist der SSV bemüht, neben den präventiven Massnahmen sowohl Grenzverletzungen zu thematisieren als auch mit geeigneten Massnahmen darauf zu reagieren.

«Zu wissen, wie man vorgehen soll, bringt Vorteile für alle Beteiligten»

Interview mit Urs Jenni, Präventionsbeauftragter des Schweizer Schiesssportverband SSV

Sexuelle Übergriffe geschehen auch im Sport. Urs Jenny (45) ist Präventionsbeauftragter des Schweizer Schiesssportverbands für die Westschweiz und «Kontaktperson» bei den Pistolenschützen Kerzers. Im Interview erzählt er, was er in diesem Amt zu tun hat, ob er sich selbst als Moral-Apostel sieht und warum Jugendliche sich nicht selbst gegen sexuelle Übergriffe wehren können.

Herr Jenny, Sie engagieren sich in Ihrem Verein als Kontaktperson gegen sexuelle Übergriffe. Wie kam es dazu?
Ich hatte bei der Ausarbeitung des Konzepts gegen sexuelle Übergriffe im Schweizerischen Schiesssportverband mitgearbeitet. Als langjähriger Trainer (acht Jahre) bin ich für dieses Thema sensibilisiert und daher übernahm ich die Aufgabe der Kontakperson auf Eigeninitiative. Ich übe diesen Job nun in der dritten Saison aus.

Was macht eine Kontaktperson bei der Prävention gegen sexuelle Übergriffe in einem Verein?
Einerseits geht es darum, innerhalb des Vereins klare Verhältnisse zu schaffen, um sexuelle Übergriffe zu erschweren und möglichst schnell erkennen zu können. Andererseits möchte ich sicherstellen, dass in einem Verdachtsfall sofort und effizient reagiert werden kann. Weiter zeige ich Trainern, Athletinnen und Athleten sowie Vereinsmitgliedern auf, wie man respektvoll miteinander umgehen kann, ohne Abstriche im Erfolg und im Klima des Vereinslebens machen zu müssen. Ich möchte jedoch keinesfalls als Moral-Apostel angesehen werden. Den Mitgliedern soll bewusst sein, wo die Grauzonen und die Grenzen eines sexuellen Übergriffs liegen und wer Anlaufstelle sein kann.

Wie gross war der Aufwand, um die Vereinsstrukturen anzupassen, damit eine Kontaktperson im Verein ihre Tätigkeit aufnehmen kann?
Der Aufwand in meinem Fall war nicht sehr gross. Wir organisierten schon früher Informationsabende für Eltern, dort konnte ich dann meine Anliegen und das Thema sexuelle Übergriffe im Detail erläutern. Mit den Athleten konnte ich im Rahmen des Trainings über das Thema sprechen. Ebenfalls war ich um eine klare Absprache mit dem Vorstand und den Trainern bemüht. Zudem wurden die Vereinsmitglieder anlässlich einer Generalversammlung informiert.

Wie gross ist Ihr Aufwand heute, um dieser Aufgabe nachzugehen?
Heute gehört die Aufgabe zum Alltagsgeschäft, was aber nicht heisst, dass sie unbedeutend geworden ist. Oft suche ich nach Tricks, wie man die Ausbildung oder das Vereinsleben möglichst respektvoll bzw. lustig und locker gestalten kann. Wir gehen in unserem Verein inzwischen offen mit dem Thema sexuelle Übergriffe um, was Erklärungs- und Zeitaufwand einspart. Zudem bringe ich im Vorstand und an Generalversammlungen das Thema immer wieder ein. Der Aufwand steigt erst dann markant, wenn es einen Verdachtsfall gibt – dann gibt es Abklärungen, Gespräche, Abmachungen, Informationsveranstaltungen, Kontrollen, Intervention etc.

Sind Sie denn schon einmal mit einem Verdachtsfall konfrontiert worden?
Mit einem konkreten Verdachtsfall im bekannten Sinn zum Glück nicht. Doch ich beobachte auf allen Ebenen und unterstütze beispielsweise die Trainer, indem ich ihnen Möglichkeiten aufzeige, wie sie ihre Hilfestellungen ausführen können, ohne Grenzen zu überschreiten. Das kann man auch schon als Intervention bezeichnen. Interveniert hatte ich bei einem Wettkampf auf Hinweis der Jury. Da hatte eine Athletin mit ihrem Freund während des Wettkampfs in den Zuschauerrängen Zärtlichkeiten ausgetauscht. Da es sich um einen Nachwuchswettkampf und jugendliche Teilnehmer handelte, hatte ich die Betroffenen zur Rede gestellt und eine Abmachung mit ihnen getroffen. Sie konnten ohne weiteres nachvollziehen, wieso Liebe und Sexualität vom Sport getrennt werden müssen, um die Leistungsfähigkeit zu garantieren und den sexuellen Übergriffen präventiv begegnen zu können.

Gibt es auch sexuelle Übergriffe unter Jugendlichen?
Wie bekannt gewordene Fälle – auch ausserhalb des Sports – zeigen, spielen Alter und Geschlecht keine Rolle. Jede Kombination ist möglich, wenn auch vielleicht einige häufiger vorkommen als andere. Auch im Bezug auf den Status im Verein kann es zu allen möglichen Kombinationen zwischen Nachwuchsleuten, Ausbildnern, Eliteschützen, Aktiven, Veteranen, Vorstandsmitgliedern, aber auch Angehörigen, Lebenspartnern und Fans kommen. Wichtig ist, die Augen offen zu halten und, wenn einem die Sache komisch vorkommt oder ungemütlich wird, zu reagieren – egal wer sich gegenüber wem wie verhält.

Woher wissen Sie, wie Sie bei einem Verdachtsfall vorgehen müssen?
Es gibt sehr wertvolle Hilfsmittel, zum Beispiel die Broschüre für Kontaktpersonen im Verein von Swiss Olympic. Ausserdem hat unser Verband ein Interventionskonzept erarbeitet. Das ist ein Schema in Heftform, wo in zahlreichen Fällen aus der Schiesssport-Praxis aufgezeigt wird, was geht und was eben nicht geht. Es wird zum Beispiel klar geregelt, wo und wie ein Trainer seinen Schützling berühren darf, wenn er ihn in die richtige Position für eine optimale Schussabgabe bringen will. Denn bloss «Bauch mehr nach hinten» zu sagen, reicht nicht immer aus. Bei einem eindeutigen Vorfall schalte ich sofort die Polizei ein. Bei einem Verdacht schalte ich die Fachstelle «Mira» ein und veranlasse eine Untersuchung. Bei Grenzfällen versuche ich zuerst herauszufinden, ob der Übergriff aus einer sexuellen Motivation entstanden ist oder nicht, beispielsweise bei einem spontanen In-die-Arme-nehmen einer Athletin bzw. eines Athleten, der bzw. die bitter enttäuscht ist. Je nachdem veranlasse ich eine Untersuchung und Massnahmen durch den Verein oder ich spreche mit dem Fehlbaren, berate ihn, treffe mit ihm eine Abmachung oder organisiere eine allgemeine Schulung oder Informationsveranstaltung. Grundsätzlich bin ich eine Art «Anwalt» der Opfer.

Mit welchen Widerständen hatten Sie innerhalb des Vereins zu kämpfen?
Die Athletinnen und Athleten sowie ihre Eltern machten teilweise schon grosse Augen und waren erstaunt, als ich zum ersten Mal über das Thema sexuelle Übergriffe sprach. Im Vorstand war das Thema bis anhin zwar nicht tabu, aber doch unangenehm. Es gab und gibt jedoch von niemandem Einwände. Alle stehen dahinter, dass wir im Verein über sexuelle Übergriffe oder vielmehr über deren Verhinderung sprechen. Dies aufgrund des Respekts untereinander und weil sich alle bewusst sind, dass ein einziger Vorfall den Verein ruinieren oder schwer schädigen kann.

Stellen wir uns vor, ich als Athlet werde von meinem oder einem anderen Trainer im Training oder an einem Wettkampf «ein bisschen zu lange» oder an Stellen berührt, die er eigentlich gar nicht berühren müsste und die mir unangenehm sind. Was mache ich?
Das Wichtigste ist zu wissen, an wen man sich wenden kann. Zudem sollten sich die Athleten selbst keine Gedanken darüber machen müssen, ob tatsächlich die «Grenze überschritten» wurde. Das ist dann Aufgabe der Kontaktperson. Wer eine unangenehme Situation erlebt hat, soll darüber sprechen können, möglichst ohne sich dazu überwinden zu müssen. In unserem Verein bin ich als Kontaktperson die erste Anlaufstelle. Für den Fall, dass ich selbst in einen Fall involviert bin bzw. verdächtigt werde, ist die Ansprechperson in unserem Verein der Präsident. Dies wurde im Verein und Umfeld, vor allem bei den Eltern, klar kommuniziert.

Können sich Jugendliche heutzutage nicht selbst wehren?
Nein, wir dürfen diese Verantwortung auf keinen Fall an die Jugendlichen abgeben! Meist üben Täter – egal ob jugendliche oder erwachsene – massiven Druck auf die Opfer aus und diese können und wollen sich schliesslich nicht mehr wehren.

Wo liegen für Athletinnen und Athleten die häufigsten Hemmschwellen?
Viele haben Angst, das Team kaputt zu machen, indem sie die Person, die vielleicht fachlich einen ausgezeichneten Trainerjob ausübt, an den Pranger stellen. Zudem ist den Jugendlichen bewusst, dass nur schon Verdachtsfälle für viel Aufsehen sorgen und den ganzen Verein in ein schlechtes Licht rücken können. Ein Opfer macht sich diesbezüglich Gedanken. Deswegen ist es oftmals nicht das Opfer selbst, sondern jemand aus dem Umfeld, der Alarm schlägt. Umso wichtiger, dass alle im Verein die Augen offen halten und nicht jeder nur für sich selbst schaut. Auch das ist Prävention. Deshalb ist das Motto der Prävention der Verbands: hinschauen und handeln.

Welche Rolle spielen aus Ihrer Sicht die Eltern?
Die Eltern sind match-entscheidend. Sie kennen ihre Kinder am besten und spüren meist als erste, wenn etwas nicht stimmt. Sie tragen viel Verantwortung und wir können nur immer wieder an sie appellieren, dass sie auch tatsächlich reagieren, wenn es nötig wird.

Warum ist es für einen Verein wichtig, eine Kontaktperson zu haben?
Leider reagieren viele Vereine erst dann, wenn es einen Fall und irreparable Schäden gegeben hat. Dies, weil das Thema nicht unbedingt akut ist. Vielleicht hätten auch wir in Kerzers nicht alles so rigoros umgesetzt, wenn es der Verband und J+S nicht vorgeschrieben hätten. Der Fall des FC Thun hat gezeigt, was ein Fall mit sexuellen Handlungen auf den Verein bezogen anrichten kann. Bloss zur Imagesteigerung braucht kein Verein eine Kontaktperson. Man muss einen Mehrwert dahinter sehen. Ich bin überzeugt, dass dieses Thema zur Schaffung eines gesunden, respektvollen und tollen Vereinsklimas und somit für eine Top-Leistungsfähigkeit ein absolutes Muss ist. An erster Stelle steht natürlich der Wille zur Prävention. Potenzielle Täter müssen spüren und bemerken, dass sie keine Chancen haben, Personen unentdeckt sexuell ausnützen zu können. Mitglieder, die sich verlieben oder sich Trieben bewusst werden, sollen wissen, dass sie Hilfe holen können. Ausbildende sollen wissen, wie sie sich zu verhalten haben, damit sie gegen einen Verdacht und falsche Anschuldigungen geschützt sind. Opfer sowie Zeugen soll klar sein, wann, wo und wie sie sich melden sowie Hilfe holen können und sollten.  Selbst wenn jedoch offen über das Thema gesprochen wird, gibt es keine 100-prozentige Garantie, dass es nie einen Übergriff gibt. Darauf vorbereitet zu sein und zu wissen, wie man vorgehen soll, bringt aber eindeutig Vorteile – für alle Beteiligten.

Interview: Martina Gasner, Swiss Olympic

Downloads

Referat Marco Liechti, keine sexuellen Übergriffe im Sport
Interventionskonzept gegen sexuelle Übergriffe und Grenzverletzungen im Schiesssport
Ausführungsbestimmungen zum Interventionskonzept gegen sexuelle Übergriffe und Grenzverletzungen im Schiesssport
Pflichtenheft Kontaktperson gegen sexuelle Übergriffe für die Vereine
MIRA Prävention für Sportvereine

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